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Folgen des Unfalls in Deutschland

Medien

Der Unfall in Fukushima hat ein starke Resonanz in den Medien erhalten. 
Eine Übersicht über die Veröffentlichungen nach dem Unfall zeigt, dass bis 15. April 2011 in Deutschland etwa 44000 Artikel über Fukushima erschienen. In allen anderen europäischen Ländern zusammen jedoch nur 8000.

Einige Beispiele für die reißerische Berichterstattung in deutschen Medien sehen Sie hier:

dpa-Meldung: 1,73 Sv/h an einer Grundschule in Kawamata. Hier hat sich der Reporter wohl um den Faktor 1 Million geirrt. Es müsste nämlich µSv heißen
Auch zu erwähnen, die Plutoniumfunde in der Nähe der Anlagen. Wie sich später herausstellte, stammten sie aus den Kernwaffenversuchen in den 50ger und 60ger Jahren. Dies wurde jedoch nicht berichtet.

All dies könnte man noch erklären mit der Unwissenheit der Autoren. Die Instrumentalisierung der Opfer der Naturkatastrophe für die Argumentation gegen Kernenergie ist geradezu zynisch. Es zeigt sich in der Berichterstattung, dass Argumente und wissenschaftliche Wahrheiten in Deutschland nicht gefragt sind.

Bert Brechts sagt in „Das Leben des Galilei“:
„Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf.
Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.
Gib acht auf dich, wenn du durch Deutschland kommst, die Wahrheit unterm Rock.„


Dies scheint sich in Deutschland beim Thema Kernenergie eindrucksvoll zu bestätigen.

Das demoskopische Institut in Allensbach hat nach dem Unfall in Fukushima einmal untersucht, welche „Experten“ in den Medien zu Wort kamen und dabei folgendes festgestellt.

Insbesondere die „Atomexperten“ von Greenpeace, die fast täglich im Fernsehen erschienen, haben sich durch vollständige Unkenntnis ausgezeichnet. Wenn man dann den fachlichen Hintergrund dieser Herren einmal näher betrachtet hat stellt sich heraus, dass außer vielleicht Herrn Smittal, kein einziger auch nur im entferntesten auf diesem Gebiet fachlich ausgebildet oder wissenschaftlich technisch tätig war.

Eine Gruppe von Menschen in Deutschland hat Brechts Ratschlag offensichtlich streng befolgt. Das sind die wirklichen Fachleute, die von Reaktortechnik, Reaktorsicherheit, Radiologie und Risikobewertungen eine Ahnung haben. Selbstverständlich wurden die Vorkommnisse in Fukushima von diesen Experten eingehend diskutiert und bewertet. Doch dies geschah abseits einer hysterischen Öffentlichkeit. So hat die Reaktorsicherheitskommission – die höchste Instanz für Fragen der Sicherheit von Reaktoren in Deutschland – im Mai 2011 eine eingehende Stellungnahme zu dem Unfall veröffentlicht. Da diese offensichtlich nicht der Meinung der Regierung entsprach, hat die Regierung schnellstens eine Ethikkommission gegründet, der kein einziger Fachmann mehr angehört. Sie hat nach kurzer Beratung ein Moratorium für 7 + 1 deutsche Kernkraftwerke vorgeschlagen. Professor Konrad Kleinknecht, Klimaexperte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) schrieb in „Das Parlament“ der Bundeszentrale für politische Bildung, APuZ 46–47/2011 wörtlich: „Allerdings erklärte der Vorsitzende dieser Kommission, Klaus Töpfer, schon vor dem Beginn der Beratungen, das Ergebnis solle der Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie sein.“

Deutsche Gerichte haben inzwischen das Moratorium für illegal erklärt und RWE Schadenersatz zugebilligt. Auch EON hat inzwischen Klage in Deutschland eingereicht; Vattenfall in den USA.
Viele gesellschaftliche Gruppen haben sich nach dem Unfall in Fukushima zu Wort gemeldet. Meist mit moralisch-ethischen Kommentaren wie
„Kernenergie ist nicht menschengerecht“, oder „Kernenergie ist ethisch fragwürdig“ und „Kernenergie ist nicht mit dem Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung zu vereinbaren“

Kernenergie und Ethik

Die Europäische Union untersucht seit vielen Jahren die „externen“ Kosten der Stromerzeugung in der Studie ExternE. Darin ist die Kernenergie eine der Stromerzeugungsarten mit den geringsten externen Kosten. Eine sehr gute Übersicht über die Opferzahlen der einzelnen Stromerzeugungsarten pro TWh wurde von der Zeitschrift Forbes im Jahr 2012 veröffentlicht. 1 TWh ist etwa diejenige Strommenge, die 150000 Menschen in Deutschland pro Jahr verbrauchen

Stromerzeugungsart           Opferzahlen pro TWh

Coal – global average           170 (50% global electricity) 
Coal – China                         280 (75% China’s electricity) 
Coal – U.S.                             15 (44% U.S. electricity) 
Oil                                           36 (36% of energy, 8% of electricity) 
Natural Gas                             4 (20% global electricity) 
Biofuel/Biomass                      24 (21% global energy) 
Solar (rooftop)                         0,440 (< 1% global electricity) 
Wind                                        0,150 (~ 1% global electricity) 
Hydro – global average           1,4 (15% global electricity) 
Nuclear – global average        0,090 (17% global electricity w/Chernobyl&Fukushima) Ist denn eine Stromerzeugungsart, bei der 170 Opfer pro TWh zu beklagen sind „menschengerechter“ als eine Stromerzeugungsart mit 0,090 Opfern pro TWh 
oder ist das Restrisiko der Atomkraft „ethischfragwürdiger“ als das Restrisiko beispielsweise der Wasserkraft ansieht?

Staudammunglücke seit 1959

02.12.1959 Malpasset, Frankreich 421 Opfer
09.10.1963 Longarone,Italien ca. 2 500 „
1975 Huai, China ca. 230 000 „
11.08.1979 Machu, Indien ca. 15 000 „
15.08.2009 Sajano,Russland 64 „
Eine Liste der Unfälle von Stauanlagen findet sich  hier

Ist es denn „ethisch vertretbar“ Lebensmittel in Biogasanlagen zu verbrennen, Flächen die zur Ernährung dienen in Monokulturen zu verwandeln oder durch den Ausstoß von gewaltigen Mengen an CO2 aus Kohlekraftwerken unser Klima nachhaltig zu verändern?
Ist es denn „nachhaltig“ wertvolle Rohstoffe wie Erdöl zu verbrennen und Uran, das sonst nur in der Waffentechnik verwendet wird, nicht zur Stromerzeugung zu verwenden?

Ich finde, dass moralisch-ethische Begründungen zu einer Technologie fehl am Platze sind.

Vielleicht noch einige Worte zu der These der evangelischen Kirche, Kernenergie sei nicht mit der Bewahrung der Schöpfung zu vereinbaren.

Dieser Leitsatz stammt übrigens aus der Charta Oecumenica der europäischen Kirchen und lautet dort: Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung und hat einen sehr viel weiteren Rahmen als nur die Kernenergie.
Ich halte eine religiöse Bewertung einer Technologie für höchst fragwürdig, sie aber selektiv auf eine einzige Art der Stromerzeugung anzuwenden ist unsinnig und ich frage „ist dann z.B. die Stromerzeugung mit Kohle-, Gas-, Biogas- oder Ölkraftwerken mit all ihren Umwelt- und sicherheitstechnischen Problemen mit der Bewahrung der Schöpfung zu vereinbaren?“

Wir sollen und können auch nicht jedes Detail der Schöpfung bewahren, sonst müssten wir auch Pockenviren und andere menschenfeindliche Dinge bewahren.

Ein sehr gute Stellungnahme zu dieser These ist von einem evangelischen Pfarrer Reiner Vogels geschrieben worden.

  Irrlicht über dem Sumpf Zur Parole „Bewahrung der Schöpfung

Ein ganz besonderes Beispiel für die Natürlichkeit der Kernenergie sind die Naturreaktoren von Oklo. Dort sind vor fast zwei Milliarden Jahren mehrere Kernreaktoren (17 in drei Uranlagerstätten) selbständig in Betrieb gegangen. Diese Reaktoren haben über mehrere hunderttausend Jahre funktioniert und setzten dabei eine Wärme von rund 100 Milliarden Kilowattstunden (100 TWh) frei. Dabei wurden mehr als zehn Tonnen Uran gespalten, wobei sich etwa 4 Tonnen Plutonium und rund zehn Tonnen Spaltprodukte bildeten.  Diese Reaktoren sind ein Teil der Schöpfung und können der Wahrung der Schöpfung nicht widersprechen.

Eine sehr interessante Sendung des BR zu den Reaktoren in Oklo ist  hier  enthalten

Die Berichterstattung in den Medien, sowie die Haltung vieler gesellschaftlicher Gruppen haben in Deutschland dazu geführt ein Experiment zu wagen, dessen Ausgang sehr ungewiss ist.

Die Energiewende

Immer wieder werden Kernreaktoren als eine Ausgeburt unserer übertechnisierten Welt und das Produkt von fehlgeleiteten Ingenieuren und abgehobenen Atomphysikern dargestellt. Doch alle diese Reaktoren basieren auf Prozessen, die in der Natur vorkommen. Die Sonne als Fusionsreaktor oder die Geothermie bei der etwa 40% der Wärme aus radioaktiven Zerfall stammen zeigen, dass Kernzerfall und Kernfusion natürliche Vorgänge sind, die der Mensch versucht in seinen Reaktoren nach zu vollziehen.

Konsequenzen des Ausstiegs

Wissenschaftlich-technisch

Wenn ein Industriezweig aufgegeben wird, besteht natürlich auch keine Notwendigkeit mehr diesbezügliche Forschung zu betreiben.  Beispielsweise wird ja auch keine Forschung bezüglich der Weiterentwicklung der Sicherheit von Dampfmaschinen mehr betrieben.Die Reaktorsicherheitsforschung in Deutschland hat wertvolle Hinweise auf Störfallszenarien gegeben, die nicht genehmigungsrelevant waren. Beispiel kleine Leck Problematik, welche bei der Genehmigung von Kernkraftwerken in den 70-Jahren noch nicht genehmigungsrelevant waren. Bei dem Störfall in TMI waren diese Kenntnisse aber sehr wichtig für die Ertüchtigung der deutschen Anlagen. Oder aber der Bereich schwerer Störfälle, der für die Genehmigung der Anlagen früher nur eine geringe Rolle gespielt hatte aber in der Reaktorsicherheitsforschung umfangreich untersucht wurde. 
Welcher Betreiber wird seine Anlagen denn noch mit der neuesten Sicherheitstechnik nachrüsten, wenn er die Anlage in Kürze schließen muss.
Man sollte auch einmal darüber nachdenken, warum so wenig ausländische Ingenieure nach Deutschland kommen wollen. (Fachkräftemangel) Ich habe bei all meinen ausländischen Freunden nur totales Unverständnis gegenüber der deutschen Entscheidung bemerkt. Wer will schon in ein Land gehen, in dem er nicht sicher ist dass er seinen Job behält. Es wird immer von den vielen tausend Beschäftigten in der Branche erneuerbare Energien gesprochen. Kein Mensch redet von den vielen tausend hochqualifizierten Mitarbeitern in der Kerntechnik, die inzwischen Ihren Job verloren haben und frühzeitig in Rente geschickt wurden (20% Rentenabschlag) oder aber ins Ausland gingen.
Als vor ein paar Jahren die Entscheidung darüber getroffen werden sollte, wo der Fusionsreaktor ITER gebaut werden sollte, war auch ein deutscher Standort im Gespräch. Angesichts der Probleme bei der Genehmigung von Kernforschungsanlagen hat man sich dann aber entschlossen lieber nach Frankreich zu gehen .
Die Aufgabe des Industriezweiges Kernenergie in Deutschland hat natürlich auch Auswirkungen auf die Kernforschung in Deutschland. Beispielsweise wurde der Forschungsreaktor FRM2 in München von Siemens entworfen und gebaut. Das dürfte in Zukunft wohl nicht mehr möglich sein.
Wie kann ein Land einen Industriezweig in dem es auf der Welt führend war nur aufgrund politischer Entscheidungen aufgeben?!

Ökonomisch

Wie die Stromkosten explodieren brauche ich nicht zu erwähnen, dass merken Sie sicher selbst an Ihrer Stromrechnung.
Allein das Moratorium der 7 abgeschalteten Kernkraftwerke führt zu einem volkswirtschaftlichen Verlust von ca. 7 Millionen Euro pro Tag oder 2,5 Milliarden Euro pro Jahr wie Prof Alt von der FH Aachen errechnete. Die Zeche wird da wohl der Steuerzahler übernehmen müssen, wenn die Klagen der Energieversorgungsunternehmen Erfolg haben. Danach sieht es nämlich nach dem Verwaltungsgerichtsurteil zur Klage der RWE aus. Und auch EON hat inzwischen Klage eingereicht mit guten Aussichten auf Erfolg. Die Klage von Vattenfall wurde in den USA eingereicht, wo hohe Entschädigungszahlungen an der Tagesordnung sind.

Politisch

Deutschland ist in den internationalen Gremien der Kernenergie (IAEO, EURATOM, OECD-NEA) praktisch nicht mehr vertreten. Und wenn ein deutscher Vertreter sich einmal zu einen Thema der Kernenergie äußert, erhält er oft die Antwort: Ihr steigt ja sowieso aus. Als eine Expertenkommission der IAEO zur Untersuchung des Unfalls in Fukushima gebildet wurde, war kein einziger Deutscher gefragt worden, obwohl gerade in Deutschland große Erfahrungen hinsichtlich von Siedewasserreaktoren vorhanden ist. Mitarbeiter aus Frankreich und Finnland, die kein einzigen Siedewasserreaktor haben, waren dagegen gut vertreten. Niemand solle glauben, die Zukunft der Kernenergie wird in Berlin entschieden. Sie kann nur international entschieden werden und da steht Deutschland ganz abseits.

Umweltpolitisch

Seit dem Moratorium kommt es trotz Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien zu einem Anstieg der CO2 Emissionen, was nicht verwunderlich ist, da der von den Kernkraftwerken erzeugte Strom von alten, wieder in Betrieb genommenen Kohlekraftwerken erzeugt werden muss. 2011 wurde 3,3 % mehr Braunkohle verbrannt als 2010 und auch 2012 und 2013 sind die COEmissionen angestiegen.

Das Risiko durch einen Unfall in einem Kernkraftwerk zu Schaden zu kommen hat sich in Deutschland praktisch nicht geändert. Dazu hätte man alle Kernkraftwerke abschalten müssen und dann wäre noch das Risiko aus den Kernkraftwerken der Nachbarländer geblieben.

Als Demokrat muss man natürlich die Mehrheitsmeinung akzeptieren. Ich muss sie aber nicht teilen. Meiner Meinung nach ist der Ausstieg aus der Kernenergie unüberlegt und übereilt. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie revidiert wird, wenn unser Wohlstand verbraucht sein wird.
Vor vielen Jahren sagte einmal ein Kollege zu mir:

 Ein Volk, das die Kernenergie nicht will, – verdient sie auch nicht.

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